Sonntag, 9. Oktober 2011

Der unbequeme Beatle



John Lennon war nicht nur ein kritischer Kopf und jähzorniger Rebell, sondern auch eines der ersten Popidole, die ihre Berühmtheit offen für politische Ziele einsetzten. Heute hätte er seinen 71. Geburtstag gefeiert.

John Winston Lennon prägte ja nicht nur mit seiner Musik, sondern auch mit seiner Lebensphilosophie, seinen zum Teil spektakulären Friedensaktionen eine ganze Generation. Nicht von ungefähr wurde der 2001 verstorbene George Harrison nach McCartney als zweiter Beatle von der britischen Queen posthum zum Ritter geschlagen – eine Ehre, die dem rebellischen Lennon wie auch Ringo Starr bis heute verwehrt blieb.

Seine subversive Ader erklärte Lennon stets mit seiner turbulenten Kindheit in zerrütteten Verhältnissen. Sein Vater arbeitet bei der Handelsmarine und ist selten zu Hause. Nach der Trennung seiner Eltern wächst er in der Familie seines Onkels George auf. Der Kontakt zum Vater erlischt. Als er 13 Jahre alt ist, stirbt sein Onkel, vier Jahre später kommt seine Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben. „Hierin lag die Wurzel seiner Wut, dass die Menschen, die er am meisten liebte, ihn immer verließen“, schreibt Philip Norman in seiner Lennon-Biografie.

Lennon besucht das Liverpool Art College, wo er als Musiker in der Gruppe „Quarrymen“ mitspielt. Als 18-Jähriger verfasst er seinen ersten Song. Während seines letzten Schuljahres gründet er zusammen mit Paul McCartney, George Harrison und Stuart Sutliffe die „Silver Beetles“, aus denen schließlich 1960 die erste Formation der Beatles mit Pete Best am Schlagzeug hervorgeht. Bei ihrer Ochsentour durch die schmuddeligen Clubs der Hamburger Reeperbahn verlieren sie Sutliffe an seine Hamburger Freundin Astrid Kirchherr, stoßen 1962 auf den Drummer Ringo Starr, der kurzerhand Best ersetzt, und werden von Brian Epstein entdeckt.

Der umtriebige Manager verpasst der jungen Band einen Imagewechsel: weg vom dreckigen Rock’n’Roll der üblen Spelunken von Liverpool und Hamburg, hin zum adrett geschniegelten Hochglanzpop für die ganze Familie. In der Tat lösen die „Fab Four“ eine weltweite Beatlemania aus, bestimmen John, Paul, George und Ringo das Lebensgefühl der 60er-Jahre: Den lebensfrohen Ausbruch aus der sorgsam gehegten bürgerlichen Idylle und Spießigkeit der ersten Nachkriegsjahre. Ihre „Pilzköpfe“ schauen sie sich beim Hamburger Fotografen Jürgen Vollmer ab – und lassen sich auch die ersten von ihm verpassen. An ihrer frühen Kreativität und späten Komplexität orientieren sich neue heute genreübergreifend Generationen, von Pop über Rock, von Punk bis HipHop. Ihre Intensität, ihr Einfluss auf Köpfe und Herzen der Menschen bleibt bis heute unerreicht.

Dabei ist Lennon der Auffassung, die Band hätte ihre beste Musik niemals aufgenommen, ihre beste Zeit regelrecht verschwendet. „Als wir noch richtigen Rock’n’Roll machten, konnte uns keiner in England das Wasser reichen“, blickt er 1971 in einem Interview mit dem US-Magazin „Rolling Stone“ wehmütig an die Hamburger Lehrjahre zurück. „Aber sobald wir Erfolg hatten, war´s vorbei. Epstein steckte uns in Anzüge und dergleichen Mätzchen, und wir kamen ganz groß heraus. Es war ein Ausverkauf. Die Musik war schon vor unserer ersten großen Tournee gestorben. Wir haben uns als Musiker nicht weiterentwickelt. Wir brachten uns selber um, nur damit wir berühmt wurden.“

Blasphemie und Drogenrausch

Der von ihm später so verteufelte Erfolg hat früh seine Schattenseiten. Lennon steigt die Beatlemania zu Kopf. Wie Harrison verfällt er den Drogen, schluckt eigenen Worten zufolge „pausenlos LSD“ und Aufputschmittel. Mit seinem Spruch, die Beatles seien „berühmter als Jesus Christus“, zieht er sich 1966 den Zorn der katholischen Kirche und seiner Anhänger zu. Weltweit werden Alben der „Fab Four“ verbrannt. Erst 40 Jahre später vergibt ihm der Vatikan. Nach so vielen Jahren „scheint das doch nur der Übermut eines Jugendlichen der englischen Arbeiterklasse“ gewesen zu sein, der „ganz offensichtlich überwältigt war von einem unerwarteten Erfolg“, schreibt die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ im November 2008 anlässlich des 40. Jahrestages der Veröffentlichung des „White Album“.

Das zum Großteil während einer Meditations- und Drogenreise durch Indien konzipierte Album zählt zu den besten Platten der Musikgeschichte – und als erkennbarer Schnitt im Beatles-Gefüge. Denn Lennon und McCartney haben sich auseinander gelebt und entwickelt. Ab dem „Weißen Album“ ist deutlich zu hören, wer von beiden den jeweiligen Song geschrieben hat.

Im selben Jahr, 1966, lernt Lennon die amerikanisch-japanische Avantgardekünstlerin Yoko Ono in einer Londoner Galerie kennen. Die Beziehung trägt maßgeblich zur Trennung der Beatles bei. 1969 heiratet das Paar in Gibraltar. Ihre Flitterwoche verbringen sie öffentlich in einem Hotelbett in Amsterdam. Ihre PR-Aktion wollen sie als Protest gegen den Vietnam-Krieg verstanden wissen. Zwei Monate später folgt ein „Bed-In“ im kanadischen Montreal. Eine der abendlichen Partys gipfelt in der Aufnahme des Friedenssongs „Give Peace A Chance“. Die Bilder von den Kuschelaktionen für den Frieden prägen Lennons Erbe fast genau so wie seine Lieder.
 
An die Beatles verschwendet Lennon zu diesem Zeitpunkt kaum Gedanken. Schon im Herbst 1969 will er die Trennung. Da aber das neue Album „Abbey Road“ – auf dessen berühmten Cover die Beatles den Zebrastreifen der Londoner Abbey Road überqueren – vermarktet werden muss, wird er zur Geheimhaltung verpflichtet. Als im Mai 1970 das letzte Beatles-Album „Let It Be“ erscheint, sind die „Fab Four“ schon einen Monat Geschichte. Am 10. April 1970 gibt die Band ihre Auflösung bekannt. Nur sieben Tage später kommt McCartneys gleichnamiges Solodebüt auf den Markt. Lennons erste Platte mit der Plastic Ono Band erscheint im Dezember 1970.

Das extrem minimalistisch produzierte Album kommt einem seelischen Befreiungsschlag gleich. „I don´t believe in Beatles, I just believe in me, Yoko and me, And that´s reality. The dream is over, What can I say? The dream is over”, singt Lennon in „God“. Kommerziell bleibt „Plastic Ono Band“ hinter den Erwartungen zurück, schafft es das Album in den USA und Großbritannien nur mit Mühe in die Top Ten. Doch schon das Nachfolgeralbum „Imagine“ wird ein Erfolg, enthält 1971 mit dem Titeltrack und „Jealous Guy“ zwei seiner größten Solohits.

Im selben Jahr siedelt das Paar nach New York um. Im „Big Apple“ geht Lennons kreatives Gespür verloren. Drei schwachen Alben und seinem letzten großen Konzertauftritt im August 1972 bei einem Benefizkonzert im Madison Square Garden folgt 1974 der nächste Skandal. Lennon brennt mit Yoko Onos Privatsekretärin May Pang durch. Das Paar flüchtet nach Los Angeles und lebt dort 15 Monate lang im Drogen- und Alkoholrausch. 1975 kehrt er reumütig zu seiner Frau zurück.

„Ich bin getroffen“

Es folgen fünf Jahre der Abgeschiedenheit, ein Leben als Hausmann und für die Familie. Den Großteil seiner Zeit verbringt er mit seinem Sohn Sean in der Wohnung. Erst im Frühjahr 1980 durchbricht er seine künstlerische Lethargie. „Double Fantasy“, das unter anderem die Liebeserklärung „Woman“ an Yoko Ono enthält, erscheint am 17. November. Im Zuge der Plattenpromotion kommt es am 8. Dezember zu einem Fotoshooting für den „Rolling Stone“. Die damals noch relativ unbekannte Annie Leibovitz fotografiert das Paar in intimer Pose: John Lennon nackt, eng um seine Frau geschlungen. Es wird das wohl berühmteste Titelbild des Musikmagazins aller Zeiten.

Nur wenige Stunden später ist John Lennon tot. Als das Künstlerpaar von den Aufnahmen um 22.50 Uhr nach Hause kommt, wird es von Mark David Chapman erwartet. Der fanatische Beatles-Fan hat sich noch am Vormittag ein Autogramm von seinem Idol geben lassen. Doch diesmal zückt der 25-Jährige einen 38er Revolver und drückt ab. Fünf Schüsse bohren sich in Lennons Rücken. „Ich bin getroffen“, sind seine letzten Worte. Noch auf dem Weg ins Roosevelt-Krankenhaus erliegt er seinen Verletzungen. Sein tragischer Tod verwandelt den provokativen Künstler vollends zur Legende.

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